Vasile Baghiu

poetry is rather a matter of life than art

Zwei Erzählungen (Sequenzen mit einem Hauspapagei & Nichts, außer einer Katastrophe)

Vasile Baghiu

 

Sequenzen mit einem Hauspapagei

 

 

Der Papagei hatte sich so an dich gewöhnt, dass er auf deiner Schulter saß und aus demselben Apfel pickte, in den du schon gebissen hattest. Wenn du dich im Haus schnell bewegtest, breitete er, ein wenig gurrend, als ob er von deiner Unaufmerksamkeit gestört worden wäre, seine Flügel ein bisschen aus und hielt sein Gleichgewicht, indem er seine Krallen in deine Schulter drückte, wo du ständig eine offene Wunde hattest. In jenem Frühling, in dem ich dich zum ersten Mal besuchte, um deine Antiquitätensammlung zu sehen, warst du sehr beschäftigt mit allerlei Dingen, die eigentlich ungewöhnlich für einen Mitarbeiter eines Stadtkrankenhauses waren. Aber seit deiner Lektüre amerikanischer Dichter, deiner Weigerung, die kommunistische Tagespresse  jener Zeiten zu lesen (die auch die einzige war, die an den Kiosken zu finden war), deiner Leidenschaft für die Fotografie (die dir außer Ärger  auch Freude brachte), deiner Begeisterung für das Tauchen in Bergseen, die dich mit dem Rucksack auf dem Rücken in Bewegung setzte und die, wenn man es so sagen kann, den Urlaub verschlang - mit all dem, was zu dir gehörte, ebenso wie die langen Haare, die dir lang, bis zu den Schultern, zu tragen gefiel, war nichts mehr ungewöhnlich an deinem Verhalten. Nachdem du meine Gedichte gehört hattest, die ich im Sanatorium schrieb, schicktest du mich erst einmal zu dir nach Hause, gabst mir den Schlüssel, batest mich in deine Wohnung zu gehen und mir einen Kaffee zu machen, bis du Feierabend hattest.

 

Da sah ich zum ersten Mal, dass der Papagei eigentlich in einen großen Käfig in der Küche lebte - und nicht auf deiner Schulter. Er grüßte mich mit einem Gurren als ich reinkam und während der ganzen Zeit, in der ich den Kaffee vorbereitete, bewegte er sich im Käfig. Spürend, dass ich ein Fremder war oder sogar ein unwillkommener Gast im Haus, in dem er für gewöhnlich auf der Schulter des Hausherren saß, und in denselben Apfel biss.

 

Aber gerade an diesem Tag musstest du länger in der Aufnahme bleiben, obwohl du eigentlich in der Desinfektionsabteilung arbeitetest, auf Grund eines ewigen Konflikts mit einer Kollegin, die dem Direktor sehr nahe stand und dich nicht leiden konnte - aus welchem Grund auch immer - vielleicht ganz einfach, weil du so warst, wie du warst: mit deinem Verhalten eines freien Menschen in einer Welt voller Schwerfälliger und Gelähmter aus Angst, in einer Welt der Feiglinge und Schurken. Ich war gerade im Begriff zu gehen, nachdem ich den Kaffee getrunken und mich an ein paar vorklassischen Fragmenten erfreut hatte, auf einer der Hunderten von Platten, die du und Doina gesammelt hatten.

 

Ich wollte gehen, ich wollte die Schlüssel einem Nachbarn geben, zum Krankenhaus kommen, und sehen, was los sei, als du reinkamst, bleich im Gesicht, sehr apathisch, und direkt zum Sofa im Wohnzimmer gingst, auf das du dich hinlegtest und sagtest, du wüsstest nicht, warum dir so schlecht sei.

 

Ich ging runter und brachte dein Fahrrad, das du nicht im Stande warst, nach oben zu bringen, und als ich zurückkam, außer Atem, nachdem ich mit dem Fahrrad auf dem Rücken, fast laufend, die drei Etagen hochgekommen war, warst du in der Küche und hast mit dem Papagei gesprochen. Du wusstest nicht, was für eine Krankheit du dir eingefangen hattest, sodass du am nächsten Tag im Krankenhaus, wo du gearbeitet hast, zu den Internisten gingst.

 

Sie untersuchten dich, machten eine Röntgenaufnahme, sprachen untereinander über dich, nachdem sie dich wie im Scherz nach draußen gebeten hatten.

 

Noch ein Tag verging. Sie diskutierten wieder miteinander, während du dich draußen im Garten des Krankenhauses über den wunderschönen Frühling freutest, der überall aufbrach, ohne Rücksicht zu nehmen auf das graue Leben, von Parteiaktivisten und Securisten erzwungen, die wie Tollwütige überall waren, wahrscheinlich auch durch die Panik unter Druck geraten, in der Ceaucescu, der wohl spürte, dass sein Ende nahte, in den letzten Jahren war.

 

Du hast auch ein paar Kranke in Schlafanzügen fotografiert, die nach draußen kamen, auch in die Sonne, die in der frischen Luft neue Versprechungen und Hoffnungen spürten, obwohl in der Stadt durch Megaphone die mobilisierenden Reden und Lieder erklangen.

 

Sie riefen dich wieder zurück, sie waren im Besprechungszimmer der Ärzte, rund um einen breiten Tisch versammelt, mit den Röntgenaufnahmen vor sich und sagten dir ohne Umschweife, dass es ein klarer Fall von Tuberkulose sei. Das war gerade das, was du nicht zu hören hofftest, und dies nicht, weil du Angst gehabt hättest vor der Krankheit an sich, sondern weil du nicht der Tuberkulosekranke in der Familie sein wolltest. Du fürchtetest das Stigma und all seine Konsequenzen. Du sahst dich schon im Sanatorium in den Bergen, da, wo ich als Assistent arbeitete, zirka 15 Kilometer entfernt von unserer Stadt, auf einen Besuch wartend, mit den Ellbogen auf die Balustrade der Terrasse gestützt oder im Bett liegend, Tag und Nacht, ununterbrochen.

 

„Ja“, sagte der Oberarzt nochmals in einem gutgespielten väterlichen Ton, „wir brauchen dich nicht zu belügen, Viktor, du bist unser Angestellter und wir sagen es dir rechtzeitig, damit du weißt, was zu tun ist: Zu 70 Prozent ist es Tuberkulose. Aber warum sollen wir es schönreden? Leider ist es hundertprozentig Tuberkulose.“ Du stammeltest ein „Dankeschön“ hervor. Nein, du brauchtest kein Mitleid, du brauchtest keinen Trost. Du wusstest zu gut, dass ihnen das egal war, genauso wie ihnen gleichgültig gewesen wäre, wenn einer der Hunde, die um das  Krankenhaus herumvagabundierten, von einem Auto überfahren worden wäre.

 

Die giftige Atmosphäre und die Hetzerei, das  idiotische System hatte seelenlose, zynische, armselige Lebewesen aus ihnen gemacht. Zu Hause hast du mit deiner Frau Doina gesprochen, die Geige an einem Kunstkolleg unterrichtete, und dich entschieden zum Sanatorium zu gehen, nachdem du im Krankenhaus, in dem du arbeitetest, aufgenommen wurdest und eine Million Einheiten Penicillin ertragen hast. In den Allerwertesten, alle 6 Stunden, eine Woche lang  - Ampullen, die du besorgt hast, gegen eine große Packung Kaffee in der Apotheke gegenüber vom Krankenhaus, - denn die Ärzte hatten die Diagnose inzwischen geändert, sie lautete jetzt „Interstizielle Pneumonie“.

 

Im Sanatorium hatte ein Kumpel von dir Dienst, Dr. Salas, der die Röntgenaufnahme anschaute und sagte: „Wenn das Tuberkulose ist, dann verbrenne ich mein Diplom.“ Also, es war nicht das, wovor du Angst hattest, und wenn du mir jetzt am Telefon sagst, dass du dich in Wellington, wo du wohnst, über jeden Tag wie ein Kind freust, weil es dir scheint, es sei ein Geschenk Gottes, als Kompensation - glaubst du - für all die Hetzerei jener Jahre, bin ich umso mehr davon überzeugt, dass, wenn man sich (allgemein gesprochen) nicht jeden Tag sehr über das freuen kann, was um einen herum gut und schön ist, am Ende der Mangel an Sensibilität, Steifheit, Unbewusstsein, Pessimismus, worin du dich eingebettet hast, und nicht mehr raus willst, schließlich eine Begründung haben werden, also Resultat eines wirklichen Grundes sein werden, und dein Leben wirklich unglücklich wird.

 

Dem Papagei ging es auch schlecht, er saß apathisch auf dem Rand des Wassertopfs und gurrte nicht mehr. War nicht mehr „lebendig“ wie vorher. Du sagtest dir, dass wahrscheinlich deine Abwesenheit daran schuld war, dass ihn die Tage, während derer du im Krankenhaus lagst, verstimmt hätten. Du suchtest auch in einem in einem Lexikon für Vogelkrankheiten, aber außer ein paar unbedeutenden Verbindungen zu Krankheiten der Menschen hast du nichts Bezeichnendes gefunden. Es war nicht besser, als du zurück kamst, was also die Sache mit der persönlichen Verbindung zu dir ausschloss, und dann riefst du den Vogelhändler an, bei dem du den Papagei gekauft hattest, um zu fragen, was zu tun sei. „Ah“, sagte er, „ich weiß, was er hat. Gib ihm etwas Tetracyclin ins Wasser und du wirst sehen, dass er wieder gesund wird.“ So hast du es auch gemacht, aber während es dem Vogel immer besser ging, ging es dir immer schlechter, trotz der Millionen Einheiten von Penicillin, die in deinen Allerwertesten herein gingen.

 

Darüber hinaus vergaß jetzt, nach deiner mutigen Intervention während einer Vollversammlung der Angestellten, der Nachbar von oben viel öfter den Wasserhahn im Bad zuzudrehen. Denn die Agenten hatten seine Schwäche für Alkohol entdeckt und er akzeptierte für eine Flasche Cognag von schlechter Qualität, sein Parkett nass zu machen, um den Nachbarn unter sich zu ärgern (dieser Nachbar warst du), der immer darauf vorbereitet sein sollte, um mit Schüsseln schnell das Wasser aufzunehmen und sie dann an jene Stellen zu setzen, wo das Wasser tropfte.

 

Doina war jedes Mal schlecht nach einer solchen Misere. Besonders, seitdem sie eine Einladung nach Wien bekommen hatte, um dort ein paar Monate Geige zu studieren und die von der Securitate ihr sagten, dass ihr das nicht erlaubt würde, wegen ihres Mannes, der „seinen Mund nicht hält“, und ein „Volksfeind“ sei. Sie sagten ihr noch, ihm auszurichten, er solle sich beruhigen, damit es nicht noch schlimmer käme. Die Spannungen in deinem Haus waren jetzt beim Maximum, der Stress verbreitete sich in allen Ecken des Hauses und einmal war sogar die Rede von Scheidung. Oder von Flucht, entweder die Scheidung oder deine Flucht aus dem Land. Eines von beidem würde die Situation retten. Nur, dass es dir schlecht ging und du weder an das Eine noch an das Andere denken konntest.

 

Da es im Verlauf deiner Krankheit zu keiner Verbesserung kam, kehrten die Ärzte wieder zu der ersten Diagnose zurück und schickten dich zum Sanatorium. Ich war dabei, als Dr. Salas, der, wie immer um diese späte nächtliche Stunde, wenn der letzte Bus fuhr, mit dem du gerade hochgekommen warst, mit alkoholsteifem Gehirn sagte, indem auch er die Röntgenaufnahme anschaute, die er gegen das Licht der Lampe hielt: „Ja, es ist sicher Tuberkulose! Sage der Oberschwester, sie soll dir ein Zimmer geben.“ Am Telefon sagst du mir jetzt, dass du damals nicht geglaubt hast, dass das, was dir passierte, wahr sei, und dass nach einer Zeit, in der deine Kollegin Christina, in Verbindung mit dem Direktor, dir sehr bittere Tage beschert hatte, indem sie behauptete, dass du deiner Stelle fernbliebst, dass du nichts tun würdest, dass dir die ganze Welt völlig gleichgültig sei und insbesondere, nachdem du bei einer der idiotischen Vollversammlungen, bei der du (obwohl du kein Parteimitglied warst), gezwungen warst teilzunehmen, etwas Ungewöhnliches, jedenfalls sehr Mutiges, sagtest,  nämlich, dass ihr als Krankenhausangestellte einen Antrag an den Führer des Landes stellen solltet. Er solle Mitleid haben und dem Krankenhaus etwas Antibiotikum spenden, denn keiner, sagtest du, könne nur mit Kräutertee behandelt werden, und die Medizin könne man so nicht betreiben. Und du fügtest hinzu, in der Stille, die von der Angst und Überraschung aller eingetreten war: „Ich glaube, es wäre ebenso selbstverständlich, dass man zu Weihnachten einen freien Tag bekäme, damit wir uns an der Schönheit dieser heiligen Tage im Winter erfreuen können wie alle freien Menschen, so pflegt der Führer uns doch immer zu nennen.“

 

Etwas zwang dich, all das zu sagen und vielleicht war es nicht nur (wie du mir jetzt am Telefon sagst, während du jetzt in deinem Haus in Neuseeland mit einer Hand den Kaffee vorbereitest, und durch das offene Fenster das lärmige Spektakel anschaust, das Hunderte von Wildpapageien jeden Tag im Vorgarten bieten), die Gereiztheit und die Allergie an der Dummheit und Niedertracht, sondern auch der Wunsch, ein wenig die Erniedrigungen, in denen du lebtest, durchzustehen. Es spielte keine große Rolle, dass Doina und du es schafften, manchmal wertvolle Menschen bei euch im Haus zu versammeln, Künstler, Schriftsteller, Psychologen ohne Zulassung, Ärzte, die zusammen an einigen Abenden eine Oase von Freiheit und Licht in dem grauen Meer des schlampigen Kommunismus schafften, der langsam zu Ende ging.

 

Es war zu wenig für die Lawine der Idiotie, die in unserem eigenen Leben niederging, und nur der Humor schaffte noch die Illusion eines normalen Lebens. Es gab unendliche Reserven des Lachens. Ich glaube, dass man so erklären kann - und du bestätigst es jetzt, indem du mir wie in einer Beifügung sagst, dass die Papageien vor dem Haus in Wellington dich an deinen armen Papagei erinnern, der aber wieder gesund wurde, während du im Sterben lagst - ja all das brachte dich zum Scherzen, mit Freunden Späße zu machen, damit man zusammen lachen und so vergessen konnte.

 

Du erinnerst dich, glaube ich, wie du an einem dieser Abende bei euch zu Hause zwischen mich und den Dichter Dorin, der dir irgendwie ähnlich war durch die Lebendigkeit des Geistes und der Seele - ungewöhnlich in der Welt, in der wir damals lebten - ein blondes Mädchen von einer ungewöhnlichen Schönheit an den Tisch gesetzt hast, wissend, dass wir beide versuchen würden, sie zu erobern, wissend, dass wir bei ihr das ganze Arsenal, über das wir verfügten, betätigen würden, um sie auf unsere jeweilige Seite zu holen, um sie dazu zu bringen, ihr Gesicht zu drehen und ihre blonde Strähne hinter das Ohr zu bringen, auf der Seite, auf der wir jeweils waren.

 

Später, am Ende des Abends, als ich es fast geschafft hatte, als ich gerade dabei war, mit ihr ein Rendezvous zu planen, als Dorin, der nicht an den Alkohol gewöhnt war, mit dem Gesicht eines schmollenden Kindes schon ein Glas Wein getrunken hatte, aus Ärger darüber, weil er den Wettbewerb verloren hatte, bist du aufgestanden, klopftest mit dem Kaffeelöffel an ein leeres Glas, zum Zeichen dafür, dass du einen Toast aussprechen wolltest, aber ständig hattest du die Augen auf mich gerichtet, mit heimtückischem Blick, fixiert auf unser amouröses Dreieck (eines wie ich es heute hier auf MTV Deutschland sah), um meine Reaktionen nicht zu verpassen, das Staunen in meinem Gesicht, wenn ich merken würde, dass das Klingen des Löffels uns zwingen würde aufzustehen. Wenn ich merken würde, dass die blonde Schönheit zwischen uns viel größer war als ich. Und meine Reaktion entsprach, wie ihre auch, deinen Erwartungen, belohnte dich wirklich für die Mühe, für diesen Streich, denn wir brachen alle vier in Lachen aus; ich, weil ich ihren Blick sah, der ebenso erstaunt war wie meiner, Dorin zufriedengestellt, weil er bei der Blondine jetzt wieder Chancen hatte, und du wegen der Schönheit der ganzen Szene, deren Autor im wahrsten Sinne des Wortes du warst.

 

Wahrscheinlich ist das hier kein Platz, für Erinnerungen, denn es wäre sehr viel zu sagen über deine Streiche, aber ich glaube, dass du dich zumindest an diesen Moment erinnerst, denn er ist durch einige, vielleicht schwerer zu entdeckende Fäden, irgendwie mit all dem verbunden, was dir in dieser Zeit passierte.

Am nächsten Tag im Sanatorium gingst du ins Sprechzimmer des Arztes, mit der Hoffung, ihn nüchtern zu finden, dich zu erkennen und zu sagen, dass das Verdikt am vorherigen Abend eine Posse war, für alle Streiche, die du den anderen immer wieder spieltest. Es war eine kleine Farce.

 

„Es ist interstizielle Pneumonie, selbstverständlich! Mach weiter mit Penicillin. Ich würde dich aber bitten, mich einmal, vielleicht sogar heute Abend, zu dir einzuladen, damit ich deine Skulpturen sehe.“ Er brachte dich mit dem Auto nach Hause. Du warst schon besorgt, dass du für Mitternacht und für morgens das Medikament nicht hattest und er sagte einfach: „Nimm irgendein Antibiotikum, das du gerade im Haus hast.“

 

Du hattest Tetracyclin. Ein paar Tabletten waren von denen übrig geblieben, die du für den Papagei gekauft hattest, und du nahmst sie. Dir ging es besser, aber  nur während der Nacht und dir war es noch nicht ganz bewusst, du dachtest, es wäre die Ruhe zu Hause, denn im Sanatorium  konntest du nicht schlafen  wegen all denen, die wie Kinder im Ferienlager jede Nacht planten, wie sie - aus Mangel an Beschäftigung - deinen Zimmerkollegen ärgern könnten, einen verbitterten, bösen, gierigen, habgierigen und total unsozialen alten Mann. Die Patienten, die schon länger da waren, suchten jede Gelegenheit, um sich zu amüsieren und fanden den Alten. Nachts pusteten sie ihm durch das Schlüsselloch durch einen Schlauch Zigarettenrauch ins Zimmer und er war böse auf dich und machte dich wach, sagte, er sei überzeugt, dass du insgeheim rauchtest. Und so vergingen die Nächte mit Hin und Her auf dem Flur, mit dem Murren der Alten, mit den Medikamenten um Mitternacht, mit Notfällen der Asthmatiker, die alle wachmachten, mit dem Leben in einem Sanatorium, isoliert in den Bergen, wo alle Sorten von Menschen versammelt waren. Der Arzt erlaubte dir, mehr zu Hause zu sein und du warst froh, die Atmosphäre des Arbeitslebens zu entkommen, weg von Christina, der Mobberin und ihrem Direktor.

 

Und an einem Samstag, als du auf Besuch bei einem deiner Cousins warst, der Arzt war, auf der Couch im Gästezimmer lagst, erblicktest du zwischen den Büchern im Regal einen Titel über Vogelkrankheiten, und plötzlich dachtest du, die Krankheit hättest du vom Papagei.

 

Du suchtest fieberhaft im Index, dann zwischen den Hunderten Seiten des Buches und fandest es. Es war eine Krankheit namens Sitakose. Deswegen fühltest du dich besser zu Hause, einfach weil du nachts Tertracyclin statt Penicillin nahmst und Tertacyclin die richtige Behandlung gegen Sitakose war. Es war, sagtest du, ein Glücksmoment deines Lebens, denn hättest du diese Entdeckung nicht gemacht, hättest du weiter Penicillin bekommen und die Sitakose hätte dich umgebracht. Du warst außer Gefahr. Im Tausch für den Irrtum der Ärzte verlangtest du von jenem Arzt, der für Skulpturen schwärmte, dich länger krank zu schreiben. So reistest du viel durch das Land in dem Jahr: Tauchen im See von  Retazat, Reisen ins Donaudelta und an andere Orte, und als du ins Krankenhaus kamst, um den Krankenurlaub zu verlängern, gingst du ab der Pforte langsam und stiegst den Weg zwischen den Kastanien, als ob du schwer krank wärst, damit man sieht, dass der Krankenurlaub gerechtfertigt ist. Du musstest aber schließlich zur Arbeit und das alles passierte in der Weihnachtszeit. Du entdecktest, dass sie immer noch dieselben Betriebsversammlungen abhielten, in denen der Name des Führers in aller Munde war, du machtest wieder denselben Vorschlag mit den Medikamenten und den freien Tagen zu Weihnachten. Sie hielten dich mit Sicherheit für verrückt. Sie bemitleideten dich. Ihre Antwort war, dass man so einen Antrag nicht stellen könne, und du sprachst weiter: „Wenn die Securitate die Menschen schlagen kann, ohne dass es Spuren hinterlässt - und wenn ihr es nicht glaubt, geht zur Notaufnahme und seht den armen Kerl an, der im Koma liegt, der hierher gebracht wurde, nachdem er mit einem Draht auf die Fußsohlen geschlagen wurde - dann glaube ich, dass man uns so einen kleinen Wunsch wie diesen erfüllen kann.“ Seitdem wichen dir die Leute aus, fast keiner sprach mehr mit dir, während du versuchtest mit dir selbst wieder Frieden zu schließen. Du gingst eines Tages durch den frischen Schnee, der über Nacht gefallen war, versuchtest deiner Seele Frieden zu bringen, nach alle deinen Ausbrüchen und Wutanfällen, nach all den ungetrösteten Erniedrigungen zu beruhigen. Du kamst mit einer Tüte in der rechten Hand nach Hause, die mit zwei Broten gefüllt war, dachtest es sei gut, dass am nächsten Tage Weihnachten sei, dass du jetzt mit Doina den Weihnachtsbaum schmücken würdest und auch wenn du am nächsten Tag zur Arbeit müsstest, werde dieser Abend - sagtest du zu dir selbst - ein richtiger Heiligabend sein. Du führtest Selbstgespräche. Im Treppenhaus hörtest du schon vom Eingang her Lärm. Zwei kräftige Männer, die du bis dahin nicht gesehen hattest, schienen gerade vor der Tür  deiner Wohnung Streit zu haben. Und als du kamst, schlug dir einer von ihnen mit der Faust ins Gedicht, dann traten dich beide, da wo du umgefallen warst, mit Fußtritten zusammen.

 

Die Nachbarn, (unter denen auch der Alkoholiker war, der dich ständig überschwemmte, und der jetzt Mitleid mit dir hatte), brachten dich in deine Wohnung. Du erinnerst dich, auf dem Sofa in der Küche wachgeworden zu sein, unter dem staunenden Blick des Papageis, der ab und zu in seinem Käfig gurrte. Mit dem Krankenwagen, den Doina rief, ins Krankenhaus gebracht, wurde dort die Wunde fast ohne Anästhesie von einem Chirurgen genährt, der Notdienst hatte. Und diese Narbe, die du heute auf der Lippe hast, ist ihm zu verdanken, der nähte, als ob er einen Pantoffel zusammenschustern wollte, der kaputt gegangen war.

 

Ich besuchte dich im dem Krankenzimmer, wo dich -  sagst du jetzt, während du Körner an die Wildpapageien  verteilst - auch ein bestimmter Oberst besuchte, der dir sagte, dass du ab jetzt wohl überzeugt sein könntest, dass die Securitate auch „mit Spuren“ schlagen könne. Dies Antwort klang in deinem Kopf auch später nach, als du im Taucheranzug, versteckt unter einem Fischerboot, durch das kalte Donauwasser heimlich nach Serbien flüchtetest. Dies war der Ort, wo du  tief einatmend zurückschauen konntest, mit der Hoffnung, dass du in Kürze sowohl Doina als auch den Papagei aus dieser feindlichen Welt herausholen  und zu dir bringen könntest - dorthin, wo du anzukommen hofftest, nämlich nach Australien. Alles bleib hinter dir, Gutes und Schlechtes, aber damals hattest du keine Zeit für melancholische Gedanken. Ebenso wie du heute, nachdem du mit mir telefoniert hast, der ich mich irgendwo in Deutschland herumtreibe, und versuche, mich mit den Erinnerungen zu versöhnen, keine Zeit hattest, Doina zu antworten, die dir sagte, dass das Essen auf dem Tisch stehe, weil einer der Wildpapageien auf deiner Schulter saß und von dort aus glücklich gurrte.

 

Übertragung aus dem Rumänischen von Anne Cerbe & Achim Jaeger

                                                                           

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Nichts, außer einer Katastrophe

 

           Wolfgang bereitete sich seit ungefähr zwei Wochen auf eine öffentliche Lesung vor. Er traf die Auswahl der Seiten. Er las den Text laut. Er machte die Korrekturen. Die ca. 20 Seiten kopierte er fünffach, nur so, um sie zu haben, falls nach der Lesung jemand aus dem Saal, ein Zeitschriftenredakteur oder sogar ein Verleger, ihn darum gebeten hätte. Schließlich musste er jetzt den großen Tag abwarten und ruhig bleiben.

Was das Letzte betrifft, hatte Wolfgang einige Probleme. Bei seinen Spaziergängen durch Berlin hatte er Gelegenheit, viele Gedanken im Kopf zu kneten. Und einer, der öfter über die Wasserwirbel des Geistes - wie ein Schriftsteller des 19. Jahrhunderts gesagt hätte - hochkam, war der, ob er wohl die Chance hätte, ein Publikum zu haben. Wenn wenigstens 20 bis 30 Personen kämen ... Die Organisatoren, auch wenn sie den Eintritt mit 7 Euro ein wenig hoch veranschlagt hatten, versicherten ihm, dass alles in Ordnung sein werde. Und nichts, außer einer Katastrophe - scherzten sie - könne seinen literarischen Aufstieg aufhalten.

Er tat so, als ob er diese überhaupt nicht versteckte, offenkundige Ironie des Institutsdirektors überhaupt nicht bemerkt hätte und lächelte ein wenig gezwungen. Und sagte zu sich selbst: er habe Grund genug zu glauben - warum auch nicht -, dass er schnell aufsteigen werde mit seinem Schreiben.

Er sah unzählige Auflagen seiner zukünftigen Romane auf den Verkaufstischen der Buchhandlungen aufgestellt, und sich selbst sah er zwischen den Tischen, wie er einigen Lesern, die geduldig Schlange standen, Autogramme verteilte, sodass die Buchhändler sich die Hände rieben. Phantasien eines Schriftstellers ... Er erreichte den Hackeschen Markt, er vergaß am Alexanderplatz auszusteigen, was ihm vorher noch nie passiert war.

Es stieg aus und ging zu Fuß zurück. Es war nicht weit. Bis zum Fernsehturm, nur zirka eine Viertelstunde, aber das Wetter war sonnig, er war 37 Jahre alt und die Zukunft lag vor ihm. Ja, die Türen gehen nicht automatisch auf in der Berliner S-Bahn, aber obwohl er seit der Geburt in Berlin lebte, wusste er das bis jetzt nicht, weil er noch nie alleine im Abteil gewesen war. Damit man raus kommt, muss man den Knopf an der Seite drücken. Woher sollte er das wissen, der immer hinter der Menge herging? Er musste sich niemals bemühen, aufmerksam zu sein. Du folgst der Menge ganz einfach, und sie führt dich schon richtig. Du gehst und schaust nach unten auf die Füße der Menschen. Wohin sie gehen, dahin richtest auch du deine Schritte. Es ist sehr bequem und du riskierst keine unangenehmen Überraschungen. Die Masse geht immer auf ausgetretenen Pfaden und so lässt sich einfach leben - ohne Probleme, wenn man sich von ihrem Sog ziehen lässt.

Ein vergessenes Kindheitsereignis. Wie er seine Eltern verlor am Schwarzen Meer, an einem Ort (wenn er sich recht erinnerte, hieß er Efforie Nord). Sie kamen alle vom Strand, vertrieben von den bedrohlichen Wolken am Horizont, und in der Nähe einer Hotelbaustelle - der Platz wurde voll und er, mit dem Handtuch um den Kopf gewickelt (in der Art wie die Araber das Tuch zum Schutz gegen die Sonne tragen), ein paar Badeschuhen, die denen seines Vaters ähnlich waren, ähnlich behaarten Beinen, eben denselben kurzen Bluejeans folgend  - entdeckte plötzlich, dass all das zu einem anderen Mann gehörte. Er geriet in Panik, erinnerte sich aber, dass die Eltern im Gespräch mit Onkeln und Tanten einmal sagten, dass, man, wenn man sich verliert, dahin gehen muss, wohin früher oder später die Leute zurückkehren.

Er wünschte sich diese Lesung. Er hatte schon zwei Romane veröffentlicht  - ohne großen Erfolg, weder bei der Kritik  noch beim Publikum - und eine Lesung beim Literaturinstitut in Berlin  hatte in seinem Kopf die Wertigkeit eines echten Debüts. Dort lasen auch Wolfgang Hilbig und Sarah Kirsch und eben hier, an einem von einer banalen Schreibtischlampe beleuchteten Tisch, las selbst der Nobelreisträger Günter Grass ein Romanfragment und vor kurzem sorgte Martin Walser mit einer Verlautbarung, in der er Anspielungen auf Reich-Ranicki machte, für ein Rumoren. Er hoffte ruhig zu werden, die Kraft zu haben, während der Lesung zurückzukehren, falls er stocken würde und neu anzufangen, an der Stelle, wo er sich verlor, so wie damals am Schwarzen Meer, wo er zum Hotel zurückkehrte, ängstlich, ein bisschen weinend, aber ohne Tränen weil er ein introvertiertes Kind war, ein zukünftiger Schriftsteller.

Er blieb auf der Treppe, ohne sich hinzusetzen, mit dem Handtuch auf dem Arm, so wie die Kellner ihr weißes Tuch halten. Er hatte das Tuch vom Kopf weggenommen, weil er gedacht hatte, er sei nicht mehr in familiärer Atmosphäre und weil er die Aufmerksamkeit nicht auf sich ziehen wollte. Er hasste die Art der Erwachsenen, die Kinder mit Fragen zu quälen. Er wurde von seinem Vater gefunden, der eine Stunde durch die Straßen gelaufen war, und er sagte in der großen Aufregung einfach: „Mein einziges Problem war, dass ihr euch erschrecken werdet, weil ich mich verloren habe.„

Jetzt saß er auf einer Bank  in der Sonne, nicht weit von der Marx-Engels-Statue, neben dem Brunnen mit Nymphen und Krokodilen auf dem Alexanderplatz. Er atmete die Luft, eines modernisierten, stilisierten und vor allem sauberen Berlins. Es gefiel ihm die festliche Stimmung, die das Licht diesem breiten, großräumigen und berühmten Platz verleih, der Alfred Döblin sogar zu einem Romantitel inspiriert hatte. Der Platz war weit entfernt von der bedrückenden Atmosphäre von damals. Die 20 Seiten, die er aus dem neuen Roman, an dem er arbeitete, ausgesucht hatte, unterstützen seine Hoffnungen, dass die morgige Lesung ein Erfolg werden würde. Er wünschte sich den Erfolg. Er hoffte darauf. Er bereitete ihn vor. Er hatte gute Karten. Sein Agent hat ihm versichert, dass über 100 Personen anwesend sein würden.

Auf jeden Fall tat ihm der Spaziergang an diesem Nachmittag gut, brachte ihn zurück in die Welt, nach Tagen und Nächten der Arbeit am Text, und an diesem Abend ging er ruhig schlafen, vorbereitet auf die große Herausforderung am nächsten Tag.

Am nächsten Morgen war alles vielversprechend, als er durch das Dachfenster schaute, nur ein paar weiße Wolken schwebten über einem Berlin, das früher als er wach wurde, und das spürte man am Lärm von draußen auf dem Kurfürstendamm. Während er sich rasierte, machte er Pläne für die Stunden, die noch übrig waren bis zum Treffen mit dem Publikum. Er dachte, es wäre nicht schlecht, noch einmal spazieren zu gehen, was er auch tat. Er war entzückt von dem angenehmen Licht und den vertrauten Geräuschen der Stadt. Er spazierte Unter den Linden, saß auf einer Bank, da, wo die Bären dem alten Boulevard einen Hauch eines Lächelns verleihen, ging in ein Café, wo er rauchte und einen Tee trank, und schaute nochmals auf die Seiten, die er für die Lesung ausgewählt hatte. Er merkte nicht, wie die Zeit verging, und als er auf die Uhr blickte, war es schon Nachmittag geworden. So vergehen die Tage, sagte er sich. Jetzt kommt die Lesung, was kommt danach noch? Es war Zeit, nach Hause zu gehen, was er auch tat, er spürte einen tauben Schmerz in den Beinen, war aber zufrieden, dass es nicht mehr lange bis acht Uhr war. Zu Hause war alles in Ordnung, nichts hatte sich geändert. Und diese Tatsache bestätigte ihm, dass es auf der Welt angenehme Orte gibt, so wie sein Haus einer war, belebt von den Hunderten Büchern und einigen Dingen, die ihn an ihm liebe Personen erinnerten, die er seit langem nicht mehr gesehen hatte: an seine geliebte Klara, die ihm täglich aus Tokio schrieb, wo sie die japanische Kultur studierte, und wo sie entdeckte, dass sie ihn noch mehr liebte, dass seine Abwesenheit ihr klarmachte, dass sie ihn wirklich liebte.

Das Telefon, das selten so früh schellte, weil die Leute um diese Zeit noch bei der Arbeit waren, fing an zu klingeln und als er ranging, fast komplett rasiert (um sich die Zeit zu vertreiben, rasierte er sich an diesem Tag zum zweiten Mal), aber mit etwas Schaum an den Ohren - wenn jemand ihn gesehen hätte, hätte er gemerkt, wie sein Gesicht plötzlich bleich wurde und er langsam einen Sessel suchte, um sich zu stützen. Was er von seinem Freund Volker, dem Maler, hörte, schien eine schwerwiegende und schreckliche Sache zu sein.

Es schien die „Katastrophe„ zu sein, von der der Institutsdirektor sagte, dass nur sie im Stande wäre, das literarische Ereignis und den Aufstieg Wolfgangs zum Schriftsteller zu stoppen. Er machte das Fernsehen an, wie Volker ihm geraten hatte, und sah verstummt die wiederholten Bilder des Einsturzes der Zwillingstürme in New York. Er war schockiert wie alle Leute von der Katastrophe, die live stattfand, aber er war auch verbittert. Er spürte, dass ihm die Angelegenheit außer Kontrolle geriet. Er spürte eine undefinierbare Bitterkeit. Er dachte an seine Lesung. Er hätte sich geschämt, wenn es jemand gewusst hätte, in einem solchen Augenblick, in dem Tausende von Menschen unter den Trümmern starben, aber es war das, was er fühlte. Er sah jemanden ein weißes Tuch an einem der obersten Fenster der Türme schwenken, er sah auch die Körper, die ins Leere fielen, Menschen, die einen Tod durch den Sturz einem Tod durch Feuer vorzogen. Aber sein Herz wollte anscheinend nicht normal funktionieren. Normal war, nun gut, sich berührt zu fühlen, seine Probleme mit dem literarischen Durchbruch zu vergessen. Er spürte aber, egal, wie er sich vor sich selbst schämte, dass die Bitterkeit mehr mit der Möglichkeit zu tun hatte, dass seine langerwartete und vorbereitete Lesung nicht stattfinden könnte.

Eine Stunde nach der schrecklichen Nachricht war er unschlüssig, ob er den Institutsdirektor oder einen der Organisatoren anrufen sollte, um zu fragen, was zu tun wäre, ob er noch zum Institut kommen solle. Aber selbst die Frage zu stellen, schien ihm zu viel, schien die Grenze zu überschreiten. Sie würden den Hörer auflegen und sagen: „Der Typ ist schrecklich. Die Welt fällt zusammen, und er fragt, ob seine jämmerliche Lesung noch stattfindet ...„ Aber komme, was wolle. Er glaubte, dass der Direktor sowieso keinen guten Eindruck von ihm hatte. Er spürte manchmal eine leichte Verachtung in seiner Haltung, sodass, wenn er jetzt anrufen würde, nicht mehr passieren konnte, als dass der Direktor seine wahren Gefühle ihm gegenüber zeigte.

Nicht klein war die Überraschung zu hören, dass man ihn unterstützte zur Lesung zu kommen. „Ach, wir werden zumindest sehen, ob jemand kommt„, sagte der Direktor. Der Maler fand nichts anderes zu sagen, außer: „Es ist eine Katastrophe, Wolfgang, aber die Welt dreht sich weiter. Ich bin kein Unmensch. Ich habe aber mein Leben, und ich will sehen, dass du Fragmente deines Romans vor einem Publikum liest. Wir treffen uns um sieben Uhr.„

Um sieben Uhr waren im Saal nur die Organisatoren. Langsam aber erschienen auch die Zuhörer,  einzeln oder in Gruppen. In einer Viertelstunde waren um die 30 Leute da. Alle sprachen über die Ereignisse vom Nachmittag, und irgendwo oben, im Büro des Direktors, das aus dem Saal über der Balustrade der Bibliothek zu sehen war, lief ein Fernseher, den man vergessen hatte auszuschalten, kommentierte dieselben schrecklichen Bilder. Der Direktor kam nach vorne, räusperte sich, sprach das Publikum an und sagte, dass man, wenn das Publikum wolle - unter den gegebenen Umständen, und da kein Journalist zu diesem Ereignis gekommen sei -  die Lesung verschieben könne, er wolle aber die Meinung der Anwesenden hören. Einige Frauen vorne sagten, nachdem sie ihr Bedauern über das Geschehen ausgedrückt hatten, sie seien gekommen, um den Autor seine Prosa lesen zu hören, und dass überhaupt in der Welt viele unangenehme Sachen passierten, dass wir aber deswegen nicht die Arme verschränken müssten und darauf warten, dass auch uns etwas passiert. Andere Personen, die sich  links neben den Bücherregalen  im Saal hingesetzt hatten, sagten etwas über die Eintrittskarten von 7 Euro, die sie gekauft hatten.

Dann fühlte Wolfgang sich verpflichtet, einzuschreiten und hinzuzufügen, dass es nicht nur ein unpassender Moment sei, sondern dazu käme noch, dass seine Prosa humoristische Züge trüge, sodass es besser wäre, auf die Lesung zu verzichten. Diesen letzten Teil seiner Intervention sagte er nur halbherzig. Einige haben gesagt, dass das eigentlich eine Lösung sei, um die Situation leichter durchzustehen. Die Stimme des Fernsehkommentators hörte sich klar an und alle haben den Satz gehört, dass nach dem 11. September die Welt nicht mehr dieselbe sei. Aber die Geräuschkulisse hat die folgenden Sätze übertönt, die wahrscheinlich eine Argumentation waren, eine Antwort auf die Frage „Inwiefern anders?„

Die Türe des Büros wurde vom Bibliothekar geschlossen, der anscheinend um diese Zeit noch arbeitete. „Lasst uns anfangen„, sagte autoritär ein Herr, der ein Mitarbeiter des Instituts zu sein schien und der sich neben den Maler gesetzt hatte. Wolfgang fing an zu lesen, aber nach ein paar Sätzen hörte er auf, und in dem Versuch, seine Schuldgefühle ein bisschen herunterzuspielen, fügte er hinzu: „Es ist eine Katastrophe, ein schreckliches Verbrechen, aber ich glaube, wir müssen das überstehen.„ Und was er am meisten befürchtete, besonders jetzt, da er auch pathetisch wurde, passierte. Die 30 Leute applaudierten. „Das hat mir noch gefehlt„, dachte er, „dass ich noch Applaus bekomme für meine Gefühllosigkeit und meinen Egoismus. Ich habe es vielleicht verdient, ich hätte es verschieben sollen ...„

In den Saal hat ihn Volker zurückgebracht: „Lass uns anfangen, Wolfgang!„ Es wurde still und Wolfgang las bis zum Ende.

 

Übertragung aus dem Rumänischen von Anne Cerbe & Achim Jaeger

(featured in the book „Um Etwas Zeit Zu Retten“, an anthology published  by Heinrich Böll Stiftung, Berlin, 2003)

 

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Gedichte aus Langenbroich

Vasile Baghiu

Gedichte aus Langenbroich oder „Himerus Alter im Rheinland“

(Auswahl)

 

June 2002 - September 2002

Heinrich Böll-Haus, Langenbroich

 

aus dem Rumänischen von Anne Cerbe & Achim Jaeger

 

 

 

Die Seele hat keinen Preis

(Sufletul nu are pret)

 

Ich weiß, dass die Sonne in Tokio aufgeht zwischen den Pagoden

und in Amsterdam untergeht hinter dem Hangar der KLM- Fluglinie,

aber es ist schwer zu sagen,

warum die Männer und Frauen in Japan die Ehe vermeiden

und warum mir der Spaziergang am Rheinufer so lang erschien,

hinter dem Dom,

wo drei aufgebrachte Punk-Jungs

mich gefragt haben,

ob es mir nicht gefallen würde, als Souvenir

ein Foto mit ihnen zu machen, wofür sie Geld verlangten.

 

Ich habe ihnen gesagt,

dass ein Souvenir mit der Seele verbunden ist

und deshalb keinen Preis hat,

so dass ich darauf verzichtete.

Sie haben die Idee nicht akzeptiert,

haben aber einen anderen Kunden gefunden,

der bezahlt hat, selbstverständlich,

so dass sie mich ignorierten

mit meiner Zwei-Groschen-Philosophie.

 

Und so ist es, die Seele hat keinen Preis,

aber es ist vielleicht nicht so schön von mir, darauf zu bestehen,

auf dieser Idee, in einer Welt, in der alle Welt den Sinn sucht.

 

Im Garten des Böll-Hauses in Langenbroich blüht die Hagebutte

und hat ein paar rosa Blütenblätter

auf dem deutsch gemähten Rasen hinterlassen.

 

Ich schreibe etwas auf Rumänisch,

vielleicht sogar diese Worte,

und spreche mit meinen Gastgebern in Englisch

darüber, wie merkwürdig mein Land ist.

 

 

 

Alles, was ich im Stande war zu sein

 (Tot ce am fost in stare sa fiu)

 

Durch die Antwerpener Straße gehend

sah ich durch ein offenes Tor einen Schulhof.

Es war gerade Pause und die deutschen Kinder

spielten so lebhaft und lärmend,

wie auch Kinder spielen

in irgendeiner Schule in Rumänien

oder in irgendeiner Schule in Pakistan.

 

Ich bin nicht allzu lange geblieben,

weil ich eine Art Vorahnung hatte

von etwas, von dem ich nicht genau sagen kann,

was es hätte sein können.

 

Es war meine Art zu sein,

es war meine klassische Art, Tränen zu vermeiden,

von denen niemand etwas wissen will.

 

Etwas weiter, im Erdgeschoss eines Hauses mit mehreren Etagen

traf ich mich mit einigen Fotos von Böll,

die ich gegrüßt habe,

indem ich fast unmerklich den Kopf neigte.

 

Aber wenn ich sagen würde, dass sie geantwortet haben,

würdet ihr mich verdächtig anschauen,

so dass ich aufhöre, weitermache, weiter schreibe,

ich weine ein bisschen wie in „Ansichten eines Clowns“

und ich glaube, das war

alles, was ich im Stande war zu sein.

 

 

Danach ziehst du dich zurück mit einem vergessenen Lächeln

(Apoi te retragi cu zambetul uitat)

 

Wenn man dich anlächelt

sieht man jemanden Guten in dir,

und du zuckst überrascht zusammen,

so wie du zusammengezuckt bist an der Kasse beim Aldi in Düren,

wo ein deutsches Mädchen ihre Kollegin auf Deutsch gefragt hat,

ob du Engländer seiest,

und sie sagte, ja, er ist Engländer,

und das nur, damit sie auch lächeln

und sagen kann „Have a nice day!“

 

Ein schöner Tag, übriggeblieben aus schönen Tagen,

scheint auf dich zuzukommen,

und du, nicht daran gewöhnt, trittst ein-zwei Schritte zurück.

 

Du bekommst den Rest und sprichst selbst gute Wünsche aus,

lächelnd mit einem Lächeln, seit langem vergessen

in einer Stadt in Rumänien.

 

Danach ziehst du dich mit dem Lächeln im Gesicht zurück,

zwischen zahlreichen Preisschildern, wo ein neues Symbol,

ein E mit zwei Strichen in der Mitte,

versucht, zu imponieren

wie ein junger debütierender Schriftsteller,

der seinen Namen überall sehen möchte.

 

 

Interessiert an den TOP 10 auf MTV

(Interesat de topul de la MTV)

 

So lebendig du nur sein kannst

an einigen Tagen, an denen das Leben zusammengebrochen ist,

so viel du nur schreiben kannst,

während du einer Sonate aus einem defekten Radio lauschst,

und hoffst, in Gedanken bei den kommenden Tagen,

so viel wirst du sagen können

wenn du aufgefordert wirst

zu sagen, was man von dir erwartet.

 

Es ist ein Gesetz an dem auch du teilhaben kannst,

es ist am Ende ein Kompromiss gesammelter Ideen,

gekünstelt spazierend

mit Regenschirm anstelle eines Spazierstocks

auf den bunten Einkaufsstraßen in Köln,

wo ein Akkordeonspieler dich an vergangene Zeiten erinnert.

 

Sollten diese Zeiten vergangen sein?

 

Ich bin lebendiger als ich hoffte,

interessiert an den neuen Strömungen der Poesie

und an den TOP 10 auf MTV.

 

Ich höre Mozart in einer gemütlichen Mansarde in Langenbroich,

wo sich damals Böll an seinen unzähligen Seiten abmühte,

und der heutige Augenblick ist nicht nur der heutige Augenblick,

es vielleicht etwas mehr oder weniger als das,

oder  nur eine Botschaft aus der Zukunft

an längst vergangene Tage.

 

 

Meine Seele ist ein Schauspiel aus Proben

(Sufletul meu e un spectatol de repetitii)

 

Auf geheimnisvollen Wegen entdecken wir die Poesie,

mit jedem Schritt  in unserem heutigen Leben,

wenn Welten und Rassen und Sprachen und Völker

sich vermischen zu einem göttlichen Schauspiel,

das niemals zu Ende gespielt wird.

 

In meiner Seele gibt es ein Schauspiel aus Proben,

wo ein jeder seine Rolle vom Blatt liest,

und wenn ich noch ein wenig Seele habe,

ist es so, weil es mir

an Talent fehlt, für mich selbst da zu sein.

 

Gegen mich selbst war ich

und es scheint, dass ich gewinnen werde

wenn ich diesen ungleichen Kampf fortführe.

 

Die Poesie war meine Verbündete

und nun bin ich von mir selbst besiegt

auf solche Weise, dass ich mich niemals getrauen sollte

nicht einmal eine Geste anzudeuten

geschweige denn auch nur ein Wort zu sagen.

 

Der Filter, durch den du das Leben verstehst

(Filtrul prin care intelegi viata)

 

Ich zögere, weiter zu gehen,

so wie ich zögerte, die indischen Gewürze zu kosten,

die mir Sarita und Aftab zum Abendessen anboten.

Ich fürchtete, mir den Mund zu verbrennen,

aber sie haben mir Wasser bereit gestellt,

und lachten, wir lachten gemeinsam,

in einem unserer in Deutschland verbrachten Jahre,

als die indische Musik die Furcht vor dem nahenden Abend übertönte.

 

Ich zögere, die guten Zeiten zurück zu rufen,

die auch mich in Erinnerung halten,

so wie ein Bild von 1889

die lebendige Farbe der Orangen festhält,

seit dem Tag, als Gaugin sie malte.

 

Die sich durch den elektrischen Scheibenwischer klärende Perspektive,

klarer wiedergebend

den Weg, den du gewählt hast, hinter dich selbst zu gehen,

stets versuchend, dich selbst zu überholen,

wie in einem sinnlosen Rennen,

sie wird sogar der Filter, durch den du das Leben verstehst,

ein wenig gestört, aber auch buchstäblich provoziert

von dem Geschwätz in einer unbekannten Sprache,

das im Hintergrund nicht aufhört.

 

Konvertierte Traurigkeit

(O tristete convertita)

 

Meine Heiterkeit ist eine konvertierte Traurigkeit,

ein Verbündeter, dem gegenüber ich mich geschickt verstelle,

um mit ihm nichts zu tun zu haben.

 

In einer Zeitung stand vor kurzem,

dass ich schwer krank sei

und aus unbekannten Gründen sehr schwer litte.

 

Bloß mein Optimismus sei offensichtlich

in Gesprächen und vielleicht im Schreiben

und die Heiterkeit fährt mir durch das Haar

wenn ich in Windeseile an der Rur entlang radle

und antwortet den Grüßen auf Deutsch,

während ich versuche mich einer Gruppe von Radlern anzuschließen

die fröhlich und geschwätzig sind

denen die Heiterkeit auch in den Haaren flattert

unter den blauen Plastikhelmen,

schließlich doch glücklich voraus eilend

und hinter der ersten Flussbiegung verschwindend,

mich zurücklassend, allein und heiter.

                                                         

 

Wanderndes Gepäckstück, das niemand beansprucht

(Un bagaj calator pe care nimeni nu-l revendica)

 

Die Zeit drängt und zwingt uns, die Orte zu verlassen,

wo wir lachten und weinten,

verwandelt uns in ein wanderndes Gepäckstück,

das niemand beansprucht,

ein bunter Koffer, der sich seit einer Stunde dreht,

auf einem Fließband auf dem Konrad-Adenauer-Flughafen.

 

Die Zeit arbeitet gründlich und vorsichtig

noch in dem, was ich auf der Seite ließ,

Sachen, die ich außerhalb der Zeit halten wollte.

 

Gerade dann, wenn ich auf dieser bunten Straße in Düren entlang gehe,

durch die Menge, die zur Annakirmes gekommen ist,

wenn ich gehe und denke,

an meine zögernde Art,

drängt mich etwas wie eine plötzliche Flut auf die Seite,

dort, wo ich mich geschickt verstelle,

als ob mich die Schaufensterauslagen interessieren,

alle Menschen die Zeit überholen lassend,

um eilig irgendwo hinzugelangen,

wo die Zeit bereits angekommen ist.

 

 

Ein verwackeltes Foto

(O fotografie miscata)

 

Das Leben kann sein wie eine Parade beim Schützenfest in Langenbroich,

locker und ausgelassen,

mit schwarz-orange-gelben oder weiß-grünen Fahnen,

mit Fanfaren und Tamburinen,

eine Ein-Tag-Promenade, der niemand folgt,

wo jeder doch lieber an seinem Platz vor der Pforte steht.

 

Mein Leben ist gefangen in einem allgemeinen Strom,

den ich erfunden habe,

damit mich etwas trägt und mich weit weg bringt.

 

Und wenn ich weit weg sein werde

und der Wecker allein auf dem Nachttisch tickt,

werde ich mir meine Botschaften per e-mail schicken

von einer Adresse aus dem Himmel her

und dann werde ich vielleicht wieder

erzählen wie das Leben ist und so weiter.

 

Das Leben kann sein wie ein verwackeltes Foto,

auf dem man die Gesichter nicht klar unterscheiden kann

und viele andere Dinge,

die ich mir nicht vorstellen kann

weil das Leben dicht ist

und Nebel aufs Auge wirft

damit du nicht zuviel siehst

von dem, was zu sehen ist.

 

 

Wie eine Replik in der Literatur

(Ca o replica din literatura)

 

Wenn ich sage, dass ich dich liebe,

versuche ich, mich selbst zu überzeugen,

wie schmerzhaft dies in meinem Herzen klingt.

 

Es ist eine Art innerer Wettbewerb,

in dem alle Welt sich besiegen lässt.

 

Ich wiederhole auf verschiedenen Tonleitern,

dass ich dich liebe,

und wenn auch nur ein Halbton sich falsch anhört,

ist es so, weil die Literatur und die Filme

es zulassen, dass zu wenig zwischen uns wahrhaftig klingt.

 

Das Leben ist wahrhaftig,

und diese Überschwemmung in Passau

ist nicht nur eine einfache Meldung in den Nachrichten.

 

Mein Gedanke an dich

ist eine verwirrte Botschaft durch ein Mobil-Telefon,

verloren auf einem einsamen Parkplatz.

 

Ich möchte dir sehr gern

doch eine Botschaft schicken,

durch die du verstehen sollst,

dass ich überlege, wie ich es fertig bringe,

dir zu sagen, dass ich dich liebe,

ohne dass es klingt, wie eine Replik aus der Literatur.

 

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Chimärismus

Vasile BAGHIU

 

CHIMÄRISMUS

 

Die Sehnsucht nach der Freiheit, die Welt zu erkundschaften war für den rumänischen Erzähler und Lyriker Vasile Baghiu Grundlage für ein ganz eigenes Literaturkonzept, einer eigenen literarischen Strömung.

 

                Neben den starken Eindrücken, die diese große kulturell und historisch so bedeutende Stadt vermittelt, geschieht mit mir in Wien auch etwas, das sehr wichtig für mich als Schriftsteller ist. Hier erlebe ich live meine eigenen, früheren dichterischen Erfahrungen und das ist etwas, was mich genau so sehr berührt wie der Anblick der „Sternennacht” von Van Gogh (die diese Tage im Leopold Museum zu sehen war), oder des Hutes, der einmal Freud gehört hatte und in einem Schaukasten in der Berggasse 19 zu sehen ist (wo er einmal gewohnt hatte, er, der die Bovarismen jener Epoche besser kannte als alle seine Zeitgenossen), oder der Meisterwerke Klimts, die im Belvedere zu sehen sind. Ich habe das Gefühl, in einem Film mitzuspielen, der meinen bisherigen Gedichten nachempfunden ist.

            Die durch das kommunistische Regime vor 1989 auferlegte Isolation brachte mich dazu, einen  Stil zu etwickeln, der die Freieheit, überall hin reisen zu können, nachahmte. Ich wünschte mir so sehr, wie die Menschen im Westen leben zu können, so wie Bücher und Filme davon berichteten, dass ich mir vorzustellen begann, dass ich ein „anderer” wäre (ein freier Weltbürger ohne jeden Komplex), und aus dieser Perspektive versuchte ich auch zu schreiben. Den Zensoren, die bei den Zeitschriften tätig waren, mit denen ich zusammen zu arbeiten versuchte, erschien diese Freiheit, die ich mir herausgenommen hatte, verdächtig, und sie begannen alle fremden Städtenamen daraus zu streichen. Wenn also in einem Gedicht „Venedig” vorkam, so wurde dieses Wort automatisch herausgestrichen. Wien – die Stadt, die mich jetzt mit ihren Palästen und Museen umgibt, mit ihren Statuen und Kaffehäusern (die mir wegen der Ruhe gefallen, die sie in diesen hektischen Zeit anbieten), mit ihrer Ringstraße, mit ihren Staßenbahnen und ihren Straßen voller Leben – wurde die gleiche Behandlung zuteil, wie den viel weiter entfernten Städten Chicago oder Montevideo.

Piatra Neamþ, meine zwischen den Bergen im Nordosten Rumäniens angesiedelte Stadt, in der der große Maler Victor Brauner geboren wurde, bereitete keines von diesen Problemen. Darüber hatte ich die Freiheit, so viel zu schreiben, wie ich nur wollte. Über Orte hingegen, die sich in anderen Ländern befanden, nicht. Die Zensur führte eine (wie sie mir jetzt erscheint) lächerliche Jagd auf die Namen fremder Städte. Obwohl auch wir, die Rumänen, seit der Revolution frei reisen können, wurde mein unverbesserlicher Bovarismus weiterhin durch den Mangel an finanziellen Möglichkeiten und die nach wie vor bestehenden Schwierigkeiten, ein Visum zu bekommen, bestärkt.

Als ich mein erstes Literaturstipendium in Deutschland bekam und ich dadurch tatsächlich in den Westen reisen konnte. Bis dahin hatte ich einige Bücher veröffentlicht, die eine Dauerreise um die Welt beschrieben und dadurch – und das sage ich in aller Bescheidenheit – die multikulturellen, transnationalen und globalisierenden Tendenzen von heute vorwegnahmen. In der vom politischen Regime auferlegten Isolation, die von einer Selbstisolation in dem Sanatorium begleitet wurde, das ich als Arbeitsplatz ausgesucht hatte, in der Hoffnung, dass ich auf diese Weise besser das Leben kennen lernen und  darüber schreiben könnte, beschränkte sich meine Erfahrung auf Reisetagebücher, Romane in denen Straßen beschrieben wurden, geografische Zeitschriften, Reiseprospekte und Bilderbücher, Postkarten aller Art, mit anderen Worten alles, was mir Details über Städte, Straßen, Gebäude und Menschen ausserhalb meines Landes bieten konnte. Um die Einzelheiten zu überspringen, das Ganze führte mich zu einem Konzept, zu einer neuen literarischen Strömung, die ich in einigen Manifesten Chymärismus genannt habe. In allem, der Dichtung genauso wie dem theoretischen Ansatz, ist der Chymärismus das Quentchen an Freiheit, das ich mir als ein in einem Osteuropäischen Land lebender Schriftsteller leisten konnte.

Jetzt, dank des Stipendiums, das ich vom Kulturkontakt Austria bekommen habe, bin ich tatsächlich hier in Wien, ich brauche nicht mehr in Bilderbüchern nachzublättern, ich wohne zwei Schritte weit entfernt von der Ringstraße und kann tatsächlich den Glocken des Stephansdoms lauschen. Das Wien, in dem ich mich jetzt befinde ist nicht das Wien aus den Gedichten, sodern das wirkliche Wien, in dem noch immer die Fiaker fahren, so wie vor mehr als einem Jahrhundert, in den Tagen, als der rumänische Dichter Mihail Eminescu hier weilte. Das Vorhandensein der Fiaker rührt mich. Ihre Anwesenheit inmitten von eleganten Autos teleportiert mich zurück durch die Zeit und erinnert mich gleichzeitig an Ferien, die ich mit meiner Familie (nach der ich große Sehnsucht habe) am Schwarzen Meer verbracht habe, in Eforie Nord, wo man genauso unter einer starken Abenbrise mit dem Fiaker spazieren fahren kann.

Zu dieser konkreten Erfahrung wurde ich von der in jedem meiner Gedichte summenden Energie getrieben, so dass heute, in einer Stadt, in der die Plakate für Mozartkonzerte ungeniert mit denen für Konzerte der Popsängerin Madonna konkurrieren, die ganze Energie meiner Dichtung sich auf mich stürzt, mit einer Kraft, die nur die echte Realität haben kann. Ich habe das Gefühl, jemand zu sein, der in der Dichtung Vasile Baghius wohnt und mir von dort aus lange Briefe darüber schreibt, wie es ist, seine eigene dichterische Fiktion zu erleben. Wahrscheinlich werde ich einige Zeit dazu brauchen, um mir darüber im Klaren zu sein, was mir eigentlich widerfährt. Was ich mit Sicherheit sagen kann ist wohl, dass Dichtung die Kraft hat, die Wirklichkeit zu beeinflussen. Ein Beweis dafür ist schon einmal die Tatsache, dass ich mich aufgrund eines poetisch-existentiellen Impulses in Wien befinde. Dichtung gehört zum Lebensstil. Ich glaube, Dichtung ist eher eine Kategorie des Lebens als eine der Kunst.

 

Vasile BAGHIU (geboren 1965 in Mastacãn-Borleºti / Neamþ, Romania) veröffentlichte sechs Gedichtbände und einen Kurzgeschichtenband, verfasste „Das dichterische Manifesto des Chymärismus”. Übersetzungen seiner Werke sind in Zeitschriften und Anthologien, und zwar in Deutschland, Spanien, den USA und Gross Britannien. Er erhielt Stipendien im Heinrich-Böll-Haus Langenbroich (2002), dem Küenstlerdorf Schöppingen (2003) und der Denkmalschmiede Höfgen (2005). Anfang 2006 war er Gast von Kulturkontakt Austria. Seinen Lebensunterhalt verdiente er als medizinischer Assistent. Er lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Piatra Neamt. Zurzeit arbeitet er für eine Institution für medizinische Erziehung und studiert per Fernstudium Psychologie und Soziologie an der Spiru-Haret-Universität in Bukarest.

 

BUCHKULTUR, Heft 104 April-May 2006

Aus dem Rumänischen von Aranca Munteanu

 

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